Sommer mit Crowdfunding

Der Sommer war heftig. Wir hatten schon eine ganze Weile überlegt, wie wir mit Kluntje weiter vorgehen. Wir wussten, es war langsam an der Zeit, größer zu werden. Es musste etwas passieren, wir mussten Aufgaben abgeben, outsourcen wie man so schön sagt, wenn man wichtig klingen will. Bisher hatten wir alles alleine gemacht, alles nur wir drei. Den Vertrieb, den Internetauftritt, Social Media, das Marketing, Buchführung,...und dann auch noch die gesamte Produktion.

Und die Produktion musste abgegeben werden. Sie nimmt enorm viel Zeit ins Anspruch und war unseres Erachtens nicht professionell genug, so wie sie bisher war. Schließlich sind wir leider keine Schneider sondern können nur ganz gut nähen. Das ist leider überhaupt nicht das Selbe. Wir hatten uns schon die kleine Lohnnäherei in Berlin angeguckt und hatten schon mit der Leiterin dort gesprochen. Nur die Finanzierung der ersten größeren professionell genähten Kollektion war noch unklar.

Ehrlich gesagt hatten wir irgendwie Schiss davor, einen Kredit aufzunehmen. Das klingt für uns so nach Schulden. Obwohl es wahrscheinlich Eins der normalsten Dinge der Welt ist, einen Kredit für eine Größere Investition aufzunehmen, drückten wir uns schon eine Weile vor den Gesprächen darum, was wir machen sollten. Bisher sind die meisten Gegebenheiten irgendwie auf uns zugekommen, wenn wir sie dringend gebraucht haben, ohne dass wir vorher wussten, dass wir sie dringend brauchten. Alles passierte immer zur passenden Zeit. So war es mit unserem Pop-Up Atelier im Mundsburg-Center und auch mit unserem Atelier in Wilhelmsburg.

Wir hatten  zu Beginn des Jahres ein Coaching absolviert, weil die Kreativgesellschaft es uns vorgeschlagen hatte. Die Kreativgesellschaft ist ein ist eine städtische Einrichtung zur Förderung der Kreativwirtschaft in der Hansestadt. Dort finden regelmäßig Vorträge und Workshops für kreative Start-Ups und Firmen statt, die den kreativen Chaosköpfen helfen, ein seriöses Business aufzubauen und all die Themenbereiche unter Kontrolle zu bringen, die ihnen von Natur aus eher weniger liegen, wie etwa Buchhaltung, Vermarktung,... All das nicht so kreative, was man für ein Business braucht. Jedenfalls sind wir seit dem in deren Verteiler und so kam es, dass unsere Homies von der Kreativgesellschaft uns eine Einladung zur Teilnahme an ihrem Crowdfunding Contest schickten.

 

 

Wikipedia:

“Crowdfunding [ˈkɹaʊdˌfʌndiŋ] (von englisch crowd für ‚(Menschen-)Menge‘, und funding für ‚Finanzierung‘, deutsch auch Schwarmfinanzierung) ist eine Art der Finanzierung. Mit dieser Methode der Geldbeschaffung lassen sich Projekte, Produkte, die Umsetzung von Geschäftsideen und vieles andere mit Eigenkapital oder dem Eigenkapital ähnlichen Mitteln, in Deutschland zumeist in Form partiarischer Darlehen oder stiller Beteiligungen, versorgen. Eine so finanzierte Unternehmung und ihr Ablauf werden auch als eine Aktion bezeichnet. Ihre Kapitalgeber sind eine Vielzahl von Personen – in der Regel Internetnutzer, da zum Crowdfunding meist im World Wide Web aufgerufen wird.”      

 

Das bedeutet, dass man sagt, wer man ist und was man vor hat und wie viel Geld man dazu braucht. Und dann dreht man dazu ein lustiges Video und teilt das ganze ständig im Internet und auf allen Plattformen, auf denen man so unterwegs ist und sagt all seinen Freunden und Bekannten bescheid, dass jetzt der Moment ist, in dem sie unterstützen sollten.

 

Wenn man es dann in einer gewissen begrenzten Zeit schafft, das Geld zusammen zu bekommen, das man als Ziel angegeben hat, dann bekommt man das am Ende tatsächlich. Wenn man aber nur einen Euro zu wenig  bekommt als das, was man als Ziel angegeben hat, dann bekommt man gar nichts und alles geht wieder an die Unterstützer zurück.

 

Das ganze ist vergleichbar mit einem Zeitlich begrenzten Verkaufswettbewerb. Denn die Unterstützer sollen nicht einfach spenden, sondern das Produkt, was mit dem Projektgeld realisiert werden soll ordern, bevor es auf dem Markt ist. Der Sinn dahinter ist, dass man dann gleich seine Geschäftsidee am Markt ausprobieren kann: Besteht Nachfrage nach dieser Idee, gibt es dafür eine Käuferschicht, sind die Leute bereit, dafür Geld auszugeben?

Wenn nicht genug Geld zusammen kommt, sollte man hinterfragen, ob es sinnvoll ist, weiterhin Zeit und Geld in das Projekt zu stecken.

 

Bei uns war es so, dass das Ganze auch noch mit einem Preis ausgeschrieben war, bei dem die Projektteilnehmer, die von den meisten Menschen Unterstützung erhalten, einen Geldpreis von 1500 € bekommen, sowie eine mediale Begleitung von dem Magazin Szene Hamburg.

 

Als wir das gelesen haben, waren wir uns sofort einig, dass es jetzt wohl an der Zeit für Crowdfunding war. Wir hatten schon vorher oft darüber nachgedacht, dass es eine gute Finanzierungsmöglichkeit für uns wäre, hatten aber bisher nicht das eine Projekt, womit man die potentiellen Unterstützer hätte überzeugen können. Nun aber waren wir so weit. Wir wollten unsere erste professionelle Kollektion finanzieren, den großen Schritt auf den Markt wagen. Große Mengen an Stoff kaufen und mehr Stückzahlen von jedem Model in verschiedenen Größen und Farben produzieren lassen, denn bisher hatten wir immer so ungefähr 1-2 verschiedene Modelle und kein Lager, weil wir nie schafften, genug zu nähen.

Und dann noch der Preis.

Alles schien zur rechten Zeit und so meldeten wir uns an und traten bewaffnet mit unseren Freunden in den großen Ring des Crowdfundings.

Wir drehten ein Onecut-Video auf dem Deich in WIlhelmsburg, bei dem fast alle unsere Freunde mitgeholfen haben. Es ist ziemlich cool geworden, schön fröhlich und mit vielen guten Ideen, die uns spontan eingefallen sind. Man schaut es an und will direkt ganz viel Geld geben, weil man versteht, dass wir tausend gute Sachen vorhaben und mitbedenken.

 

https://www.youtube.com/watch?v=8RE-cmQv5ZA&t=4s

 

 

Unsere Konkurrenten hatten Babys, einen französischen Akzent und noch weitere bunt gemixte Nationalitäten in ihr Video eingebaut, sie haben eigentlich schon nahezu bestochen mit Niedlichkeit und Herzerwärmung und hätten deshalb unserer Meinung nach disqualifiziert werden sollen (wir selbst haben uns dabei ertappt, wie wir sie unterstützen wollten, das Video war die Reinste Gehirnwäsche!!!)

Deshalb hatten wir enormen Druck, ein gelungenes Video zu drehen.

Aber das war ein Klacks für uns.

 

Und dann hieß es immer wieder alle Leute erinnern. das war der härtere Part. Instagram, Facebook, Newsletter,... Jeden Tag irgendetwas von sich geben. Wir haben jede Woche kleine Videos von uns gedreht, in denen wir unsere Fankurve auf den neuesten Stand gebracht haben, wo wir gerade stehen, wie viel wir schon geschafft haben. Das war eine spannende Zeit, die kein Ende zu nehmen schien.

Wir boten die Bestseller, sowie Teile aus der neuen Kollektion als Dankeschöns an und dachten uns witzige Sachen wie Ostfriesische Teetrinkersets mit Hdngezeichneter Zubereitungsanleitung nach traditioneller Art aus, plakatieren Hamburgs Schanze und stickerten alles zu, was nicht niet- und nagelfest war.

Unser finanzielles Ziel knackten wir früher als erwartet, völlig unverhofft an einem Montagabend, an dem wir alle verstreut in Hamburg unterwegs waren und dann alles stehen und liegen ließen, um uns so schnell wie möglich zu treffen und eine Flasche Sekt knallen zu lassen. Dann gab es ein ziemlich heftiges Kopf-an-Kopf rennen, wie schon erwartet mit dem Projekt, in dem eine niedliche Französin superschöne Holzinstrumente für unter anderem Babys baut. Da wir keine echten Konkurrenzkämpfer, sondern eigentlich immer Teamplayer sind, mussten wir uns wirklich dolle zurückhalten, um die nicht auch zu unterstützen. Denn es ging ja schließlich noch um den Preis für die höchste Unterstützerzahhl. Am Morgen vor dem Ende des Contestes war sie Plötzlich da, die große Panik. Denn in der Nacht hatten sie uns mit 16 Stimmen überholt. Wir waren ratlos und riefen unsere Familien an, luden unsere Freunde ein, um mit uns den letzten Minuten bei ein paar Bierchen auf dem Riesenbalkon unseres Firmensitzes (die Wohnung von unter anderem Julia und Lena) entgegenzufiebern und plötzlich war die Zeit einfach um und wir hatten tatsächlich irgendwie gewonnen.

6 So permanent aufregende Wochen, das war eine verrückte Zeit, in der wir unglaublich viel geschafft haben.

Falls jemand in Betracht zieht, Crowdfunding als Finanzierungsmöglichkeit zu nutzen, dem können wir Folgendes sagen:

Man muss sich ziemlich reinhängen und sehr aktiv werden auf allen Kanälen. Ein gutes Video allein reicht nicht, man muss es wirklich immer überall bewerben. Es lohnt sich, wenn man schon eine gute Basis geschaffen hat an Leuten, die man erreichen kann (also schon eine Facebookseite mit einigen Followern hat oder viele Mailadressen von Leuten, die bereits Fans von deinem Projekt sind) oder man hat eine total innovative Idee, bei der es es allein reicht, sie zu erklären, weil alle Menschen dieses Produkt dann eh sofort haben wollen.

Die Werbung und alles, was man dafür tut, ist nebenher auch Werbung für dein Projekt, also man bewirbt sein Projekt oder sein Label möglicher Weise mehr als im Alltag und viel zielgerichteter und das allein ist auch schon eine gute Motivation. Und der Schlimmste Fall kann nur sein, dass der Plan nicht aufgeht und man doch kein Geld bekommt aber verloren hat man dann höchstens ein bisschen Zeit und vielleicht seine Illusion aber die sollte man sich niemals rauben lassen.

 

 

 

 

Julia Radewald